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Antibiotika retten Leben – ohne sie können schon kleine OP-Wunden tödlich sein. Das Problem: Immer mehr Bakterien werden resistent gegenüber Antibiotika. Das heißt, die Medikamente verlieren ihre Wirkung. Und das kann gravierende Folgen haben.

Antibiotika sind aus unserer Welt nicht mehr wegzudenken. Sie wirken bei vielen Krankheiten – aber nicht bei Covid-19. Der Grund: Sie helfen nur bei Erkrankungen, die durch Bakterien ausgelöst werden. Die Lungenkrankheit Covid-19 wird aber durch Viren ausgelöst. Der Unterschied zwischen Bakterien und Viren lässt sich – sehr vereinfacht – so zusammenfassen: Bakterien sind Lebewesen, die sich selbst vermehren können. Viren sind dagegen keine Lebewesen – für ihre Vermehrung brauchen sie einen Wirt, also zum Beispiel Menschen oder Tiere.

Antibiotika spielen eine zentrale Rolle bei der Heilung vieler Krankheiten. Die Corona-Pandemie könnte jedoch ein globales Problem noch verschlimmern: die Antibiotikaresistenz. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat festgestellt, dass die Covid-19-Pandemie zu einem verstärkten Einsatz von Antibiotika geführt hat. Zwar wirken Antibiotika nicht gegen Coronaviren, Ärzte wollen aber demnach oft verhindern, dass Covid-19 Patienten zusätzlich noch gegen eine bakterielle Infektion kämpfen müssen. Deshalb verschreiben sie Antibiotika.

„Das Problem ist in Deutschland angekommen“

Das Problem ist nicht neu: Das Europäischen Zentrums für Prävention und Kontrolle von Krankheiten (ECDC) befragte im November 2019 18.000 Ärzte, Apotheker und Pfleger aus dreißig europäischen Ländern. Das Ergebnis: Jeder Dritte gab an, dass er in der vorherigen Woche mindestens einmal Antibiotika verschrieben hatte, obwohl er oder sie es lieber nicht getan hätte.

Warum das ein Problem sein könnte? Jim O´Neill, ehemaliger Staatssekretär von Großbritannien, sagte dazu bei einer Vollversammlung der Vereinten Nationen im Jahr 2016: „Wenn wir nichts gegen Antibiotikaresistenz unternehmen, könnten schon in 35 Jahren zehn Millionen Menschen jährlich sterben.“ Das wären wahrscheinlich mehr Menschen, als derzeit jährlich an den Folgen von Krebs sterben. Ohne wirksame Antibiotika können kleine Wunden lebensbedrohlich werden – Operationen sind dann kaum noch möglich.

Professor Holger Rohde ist Oberarzt am Institut für Medizinische Mikrobiologie, Virologie und Hygiene am Universitätsklinikum Hamburg- Eppendorf. Er bestätigt: „Resistenzen breiten sich massiv aus.“ Weltweit zeige sich hier eine dramatische Situation – die auch ein Alarmsignal für Deutschland sein sollte:

Das Problem ist in Deutschland angekommen.

Warum werden Bakterien resistent gegen Antibiotika?

„Die Entstehung von Antibiotikaresistenzen kann nicht verhindert, sondern höchstens verlangsamt werden“, schreibt das Robert-Koch-Institut auf seiner Internetseite. Denn: Der Einsatz von Antibiotika führt immer zu Resistenzen. Empfindliche Bakterien werden getötet – resistente überleben aber und vermehren sich weiter. Schuld daran ist auch der oftmals wahllose Einsatz von Antibiotika, so die Weltgesundheitsorganisation (WHO). Heißt also: Je mehr Antibiotika eingesetzt werden, desto mehr multi-resistente Keime entwickeln sich.

Die Ursache liegt im wesentlichen im missbräuchlich Einsatz von Antibiotika.

Professor Holger Rohde

Ein Beispiel: Antibiotika verschreiben, wenn das Medikament nicht unbedingt notwendig ist. Das ist fatal im Zusammenhang mit der Entwicklung von Antibiotikaresistenzen. Dennoch zeigen Studien einen zu leichtfertigen Umgang von Ärzten mit Antibiotika. „Das Problembewusstsein ist nicht ausgeprägt genug“, erklärt Rohde. Es gebe in Deutschland mittlerweile Programme, die Ärzte sensibilisieren sollen. Dabei gehe es auch darum, einen Leitfaden für das Verschreiben von Antibiotika zu geben. Wichtig sei hierbei auch: „Wann gebe ich etwas nicht.“ In der Praxis kann das so aussehen: Wenn Ärzte einen Leitfaden zur Hand haben, der darauf eingeht, bei welchen Krankheiten Antibiotika verordnet werden sollen und bei welchen nicht, kann den unnötigen Einsatz verringern.

Ein weiteres Problem: Die Vergütung von Ärzten. Diagnostik könne von den Medizinern schlechter abgerechnet werden, erklärt Rohde. Die wäre aber wichtig, um nicht wahllos, sondern gezielt Antibiotika verschreiben zu können. Auch hier müsse sich etwas am System ändern.

Antibiotikaresitenz durch Massentierhaltung

Ein weiterer Faktor ist die Massentierhaltung. Hier kommen jährlich tonnenweise Antibiotika zum Einsatz. Das führt zu mehr multi-resistenten Bakterien. Die Mittel werden gesunden Tieren gleich aus zwei Gründen verabreicht: Zum einen vor allem in der Putenmast, um Muskelmasse und Wachstum der Tiere zu verbessern. Zum anderen, um Krankheiten vorzubeugen. Denn: In der Massentierhaltung ist der Raum, der den Tieren zur Verfügung steht, sehr begrenzt. Deshalb können sie ihren Fäkalien kaum aus dem Weg gehen, wodurch Krankheiten entstehen können. Außerdem breiten sich Infektionen durch den engen Kontakt zu den anderen Tieren sehr schnell aus. „Hier sind Reglementierungen sinnvoll“, so Rohde. Denn: Antibiotikaresistenz könne nur eingedämmt werden, wenn man die Human- und die Tiermedizin gleichermaßen miteinbezieht.

Die Pharmaindustrie und Antibiotika

Wenn Bakterien gegen verschiedene Antiobiotika resistent sind – hilft es dann, neue Wirkstoffe zu entwickeln? Grundsätzlich: ja. Hier kommt aber die Pharmaindustrie ins Spiel.

Hajo Grundmann hat vor Jahren das Europäische Antimikrobielle Resistenz-Überwachungssystem (EARSS) aufgebaut. Heute leitet er die Krankenhaushygiene am Universitätsklinikum Freiburg. Er sagte 2018 im SWR: Antibiotika sind für die Pharmaindustrie kein lohnendes Geschäft.

Ein Antibiotikum, das wirkt, brauchen Sie nur neun, ja vielleicht nur fünf Tage zu nehmen. Dann setzen die Patienten es ab – das bringt nicht viel Geld. Es ist kommerziell viel interessanter, in einen Lipidsenker oder Betablocker zu investieren. Wenn man hohen Blutdruck hat, nimmt man den wahrscheinlich lebenslang.

Auch Rohde bestätigt:

Mit Antibiotika kann man wenig Geld verdienen.

Warum lohnen sich Antibiotika nicht für die Pharmaindustrie?

Dafür gebe es keinen Massenmarkt, anders als beispielsweise bei chronisch Kranken, die über Jahre regelmäßig ein bestimmtes Medikament einnehmen müssen. Aus wirtschaftlicher Sicht sei das Interesse an der Entwicklung von Antibiotika gering. Hinzu kommt: Diese Entwicklung kostet Geld. Deshalb seien neue Antibiotika sehr teuer, erklärt Rohde. Das hat zur Folge, dass vermehrt die „älteren“ und günstigeren Antibiotika in der Medizin zum Einsatz kommen und eben nicht die neuen – auch hier greift das Grundproblem: Vom selben Antibiotikum kommt mehr zum Einsatz, deshalb gibt es hier auch mehr multi resistente Keime.

Fast alle großen Pharmakonzerne haben sich nach Recherchen des NDR aus der Entwicklung lebenswichtiger Antibiotika zurückgezogen. Jetzt starten mehr als 20 davon eine Initiative – mit knapp einer Milliarde Euro. Die sollen in die Entwicklung neuer Antibiotika investiert werden. Cheflobbyist Thomas Cueni, Generaldirektor des Internationalen Pharmaverbandes (IFPMA), sagte zum NDR:

Wir haben erkannt, dass wir als Industrie zeigen müssen, dass wir Geld in die Hand nehmen.

Was tut Deutschland gegen das Problem?

Deutschland hat im Jahr 2015 eine Strategie gegen Antibiotikaresistenz entwickelt: DART 2020. Hinter dem Programm stehen das Bundesgesundheitsministerium und die Ministerien für Ernährung und Landwirtschaft und Bildung und Forschung.

Der Kern: Die „sektorübergreifende Zusammenarbeit“ – in diesem Fall heißt das, dass nicht nur die Humanmedizin, sondern auch die Veterinärmedizin mit einbezogen wird. „Es tut sich einiges, aber das ist nicht ausreichend“, so Rohde.

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